Johann Rist

Zerstörung eines Großgeschiebes

Gerade in der heutigen Zeit, in der uns immer deutlicher bewusst wird, wie Natur- und selbstzerstörerisch unsere Lebensweise und unser globaler Ressourcenverbrauch ist, kann ein Rückblick auf eine noch nicht von der Aufklärung beeinflusste Zeit sehr interessant sein. Schon immer war nicht nur die existenzielle Not der Menschen sondern auch die "Gier nach immer mehr" der Grund für Natur- und Landschaftszerstörung.

Schützen Sie auch die unbelebten Zeugen der Natur!

Schon der berühmte Wedeler Pastor und fromme "Liedermacher", Johann Rist (1607-1667), hatte sich über die Zerstörung eines großen Findlings während seines längeren Aufenthaltes in Hamburg geärgert, als "…​ der höchstverderbliche Krieg zwischen Dennemarck und Schweden [1643-1644] angieng …​" (Siehe weiter unten).

Einzelheiten aus dem Leben Johann Rists, insbesondere die Naturerscheinungen betreffend.

Die Pflanzenheilkunde erlernte er vom Vater, der ebenfalls Pfarrer war. An der Universität Rostock hat er neben Latein, Griechisch und Hebräisch auch Botanik, Mathematik und Mechanik studiert. Sein Hauptstudium war aber die Arzneiwissenschaft. Danach studiert er in Rinteln Theologie und übernimmt auf Drängen des Schauenburger (Schaumburger) Grafen Jobst Hermann das Wedeler Pfarramt im Jahre 1635.

1656 gründet Rist eine Sprachgesellschaft, den „Elbschwanenorden”. Aus den zahlreichen Gesprächen dieser Gesellschaft in seinem „Poetischen-Lustgarten” in Wedel entwickelt er ab 1663 die Monatsgespräche. „Die Presse feiert ihn als den Erfinder der Monatszeitschrift als solche.” schreibt Heinz Kegel, der Wedeler Organist unserer Zeit. Seine kurze biographische Zusammenstellung über Johann Rist ist in der Stadtbücherei in Wedel erhältlich.

Erst in seinen letzten Lebensjahren beginnt Rist die Monatsgespräche aufzuschreiben. Das sechste, für unsere Thematik relevante, 1668, ein Jahr nach seinem Tod erschienene Buch trägt den Titel: Die Alleredelste Zeit-Verkürtzung und ist in Franckfurt an dem Mayn erschienen. Hieraus ist über seine naturkundlichen Interessen manches zu entnehmen. Er besaß eine umfangreiche Sammlung optischer Instrumente und er hatte „…​ dieses sein Stübelein zu einer trefflichen Camera obscura [gemacht] …​ worinn die Bilder nicht nur auff dem Kopfe / sondern auch auffrecht auff den Füssen gehen. …​ Weiter sahen sie daselbst allerhand Ertz und Mineralische Sachen / mancherlei Steine / edle und unedle / Magneten / Perlen …​ vielerhand Corallen-Zweige …​ Perlemutter …​ Stücke vom Einhorn …​ etliche gedrehete Kunststücklein von Helffebein / Börnstein / Schild Kröhte …​”

Vieles davon sind Sammelobjekte, wie die damals dem Einhorn zugeschriebenen Donnerkeile (Belemniten), die noch heute das Ziel manches Fossilien- und Mineraliensammlers sind. Sicher sind darunter auch viele Geschiebe gewesen. Dieser Begriff war Rist natürlich nicht bekannt und auch die Bedeutung von Fossilien nicht, denn erst 1669 wird der in Kopenhagen geborene Theologe, Mediziner und Naturforscher Nicolaus Steno (Nils Stensen) seine fortschrittlichen Erkenntnisse niederschreiben.

[Steno formulierte das „Lagerungsgesetz”, die Grundlage der heutigen Stratigraphie, wonach das Liegende einer Schicht älter ist und das Hangende jünger, wie es die Bergmannssprache formuliert. Er erkannte ferner, dass Fossilien Überreste von einst lebenden Organismen sind. Weiter entdeckte er das „Winkelkonstanzgesetz“ bei Kristallen. Wegen seines religiösen Lebenswerks ist er von der Katholischen Kirche zum Heiligen erhoben worden. Wenn es in den Geowissenschaften Ähnliches gäbe, wäre er ein sicherer Kandidat.]

Zurück zu Johann Rist. Auch wegen seiner breit gefächerten Interessen und seiner Fähigkeiten bei der Naturbeobachtung sollten wir Nachgeborenen uns hüten, Johann Rist zu unterschätzen - er muss als Universalgelehrter mit umfangreichem Wissen gelten.

Aber wie dachte und was wusste Rist über die großen Steine?

Lassen wir ihn selbst berichten:

„Hinter meinem Norder-Garten / liegt ein kleines Höltzlein / der Wyde geheißen / hinter diesem Wäldlein / war noch für etlichen Jahren ein ziemlich grosser / runder Platz / der Riesenkampf genennet …​ Dieser Riesenkampf war rund umher besetzet mit grossen Steinen / welche / wie eine starcke Maur waren anzusehen. …​ Fast in der Mitte dieses Riesenkampfes / lag ein überauß grosser Stein / fast wie ein kleines Hauß …​ Dieser erschreckliche grosse Stein / hatte vier Absätze oder Stiegen / die gleichwol nur grob waren ausgehauen / man nennete ihn der Riesen Opferstein / und sahe er recht oben …​ nicht anders auß / als wann er natürlich mit Blut und Gehirn durch einander wäre bestrichen oder besprenget / und dieweil dieses eine so treffliche Antiquität / habe ich in Sommerzeiten / mit den Meinigen / manche Abendmahlzeit auff diesem Heydnischen Altar gehalten …​ da wir dan nach vollbrachter Malzeit auff diesem Heydnischen Altar / (da unsere Vorfahren dem leidigen Teufel hatten gedienet und geopfert / ja wol Menschen geschlachtet) mit schönen geistlichen Liedern und Lobgesängen / den wahren Gott und eintzigen Schöpfer Himmels und der Erden / hertzlich pflegen zu preisen.”

Heute könnten wir Rist vielleicht bei den Biotop- und Geotop-Schützern wiederfinden, denn er hat die Zerstörung dieses Großgeschiebes mit folgenden Worten bedauert:

„Es war dazumahl einer an diesem Orte / der ziemlich viel zu sagen hatte: Dieser verwüstete die Holtzung über die masse sehr / und ließ die allerschönste Eichbäume herunter hauen …​ Damit aber die Fällung dieser schönen / alten und grossen Bäume / ihme nicht gar zu böse Nachrede möchte verursachen / hat er denjenigen / welche nahe bey dem Riesen-Kampe / ihre Acker liegen hatten / den Anschlag gegeben / sie solten die grosse Steine alle unter die Erde sencken / so könten sie hernach einen trefflichen schönen KornAcker darauß machen …​ blieb also von dieser fürtrefflichen Antiquität nichts übrig / als der grosse Altar Stein …​ Er lag auch noch etliche Jahre / biß der höchstverderbliche Krieg zwischen Dennemarck und Schweden [1643-1644] angieng / da wir uns / wegen gar zu grosser Unsicherheit / eine zeitlang in dem benachbartem Hamburg musten auffhalten. Als ich nun wieder herauß kam / da sahe ich mit höhester Verwunderung / das sie auch diesen mächtigen Stein hätten versencket / und ihn unter die Erde kriechen gelehret …​ Ist also diese wohl sehenswürdige / seltene Antiquität zu Grund auß ruiniret und verderbet …​”

RIST J 1976 (postum) Sämtliche Werke. Hrsg. von Eberhard Mannack Bd. 6, Berlin / New York (de Gruyter). [Nachdruck eines Auszugs in: DÜRKOB C 2000 Wedel Eine Stadtgeschichte - 280 S., 185 Abb., Pinneberg (A. Beig). ("…​ ein überaus grosser Stein / fast wie ein kleines Hauß …​" S. 16)]